Am 30. April fand im Kurpark Schlösschen ein gemeinsamer Vortrag mit dem Verein für Archäologie und Geschichte Herrsching statt. Referent Karl-Heinz Grehl nahm die Zuhörer mit auf eine anschauliche Reise durch die Erdgeschichte und erklärte auf verständliche Weise die Herkunft und Bedeutung der Kieselsteine aus der Ammerregion.
Karl-Heinz Grehl betonte gleich zu Beginn des Vortrags, dass er selbst kein Geologe ist, dass seine Faszination für Steine jedoch bereits sehr früh in seiner Kindheit begann.Beim Sammeln an der Ammer und in Kiesgruben. Während andere Regionen in den Bergen oft spektakuläre Kristalle lieferten, waren es hier bei uns die unscheinbaren, aber vielfältigen „Rolling Stones“, die seine Neugier weckten.

Im Kurpark-Schlösschen in Herrsching, Vorstellung des Vortragenden Karl-Heinz Grehl durch Dr. Sabine Pfannenberg, Vorsitzende des Vereins Kulturlandschaft Ammersee-Lech e.V.
Der Vortrag zeigte eindrucksvoll, dass selbst unscheinbare „Kieselsteine“ (gemeint sind damit umgangssprachlich Gerölle und Geschiebe) spannende Geschichten erzählen können. Sie sind Zeugnisse gewaltiger geologischer Prozesse, die sich über Millionen von Jahren erstrecken. Gleichzeitig machen sie deutlich, wie eng Naturgeschichte, Landschaftsentwicklung und heutige Lebensräume miteinander verknüpft sind.
Herkunft der Kiesel – eine Reise durch Raum und Zeit
Die Kieselsteine der Ammer stammen überwiegend aus den Alpen und wurden über große Entfernungen transportiert. Während der Eiszeiten, insbesondere der letzten Würmeiszeit, formten Gletscher wie bei uns der Isar-Loisach Gletscher die Landschaft des Alpenvorlands und brachten gewaltige Mengen an Gestein mit. Nach dem Abschmelzen übernahmen Flüsse wie die Ammer den Weitertransport dieser Materialien.
Heute fungiert die Ammer als aktives „Transportband“: Täglich gelangen große Mengen an Kies und Sediment in den Ammersee. Dieser Prozess führt langfristig zur Verlandung des Sees – ein natürlicher Vorgang, der sich über viele Jahrtausende erstreckt.
Einige Gesteine haben dabei erstaunliche Wege zurückgelegt. So findet man beispielsweise an der Ammer Granit vom Julier der für eine Strecke von ca. 300 km von dort auf dem Rücken des Gletschers einer Reisezeit von ca. 3000 Jahren gebraucht hat. Selbst ist er ca. 300 Millionen Jahre alt. Gleichzeitig verändert sich das Material im Fluß immer mehr: Während früher mehr kristalline Gesteine aus den Zentralalpen zu finden waren, dominieren heute an der Ammer zunehmend Kalksteine aus den nördlichen Kalkalpen, die als Verwitterungsmaterial im Fluß landen.
Der Gesteinskreislauf funktioniert zwar ständig, aber nicht überall gleich intensiv. Manche Bereiche der Erdkruste sind über sehr lange Zeit erstaunlich stabil. Der älteste bekannte Gesteinsfund der Erde, der Acasta-Gneis-Komplex in Canada , ist etwa 4 Milliarden Jahre alt und entstand damit relativ kurz nach der Entstehung der Erde vor rund 4,6 Milliarden Jahren.

Fundstücke aus der Sammlung von Karl-Heinz Grehl
Plattentektonik und Alpenbildung
Ein zentrales Thema des Vortrags war die Bewegung der Erdplatten. Vor hunderten Millionen Jahren lag die Region des heutigen Oberbayerns noch in völlig anderen geografischen Breiten. Erst durch die langsame Kollision der afrikanischen mit der europäischen Platte entstanden die Alpen.
Dabei wurden die Sedimente eines ehemaligen Meeres zusammengedrückt und zu Gebirgen aufgefaltet. Gesteine aus südlichen Regionen wurden dabei weit nach Norden transportiert und übereinander geschoben. So erklärt sich, warum sich im Alpenraum Materialien finden, die ursprünglich ganz woanders entstanden sind.
Ein anschauliches Beispiel ist die Zugspitze: Ihr Gestein entstand vor rund 230 Millionen Jahren in einem tropischen Flachmeer als Riffkalk und wurde erst später durch die Gebirgsbildung angehoben.
Dynamik der Alpen – ein Gebirge im Wandel
Die Alpen sind kein starres Gebilde, sondern ein dynamisches System. Sie befinden sich gewissermaßen in der „Mitte ihres Lebens“: Während sie sich durch tektonische Kräfte weiterhin langsam heben, werden sie gleichzeitig durch Verwitterung, Wasser und Eis kontinuierlich abgetragen.
Dieses Wechselspiel aus Hebung und Abtragung ist ein natürlicher Prozess. Gestein „altert“, wird brüchig und zerfällt mit der Zeit. Ein großer Teil der ursprünglichen Alpenmasse ist bereits wieder abgetragen und findet sich heute als Kies und Sediment im Alpenvorland – unter anderem in den Flüssen und Seen der Region.
Grehl erläuterte auch den sogenannten Gesteinskreislauf: Gesteine entstehen, verändern sich und werden wieder zerstört. Magma erstarrt zu festen Gesteinen, diese verwittern, werden abgetragen, erneut abgelagert und im Erdinneren unter Druck und Hitze umgewandelt. Schließlich können sie wieder aufschmelzen – ein kontinuierlicher Kreislauf, der durch die Dynamik der Erde angetrieben wird.
Schätze der Kiesbänke
Neben der geologischen Einordnung ging es auch um die „Schätze“ der Kiesbänke. Dazu zählen neben verschiedenen Gesteinen auch Fossilien und seltene Funde wie Mammutreste oder alte Austernbänke aus Baugruben in der Region.
Gold hingegen spielt lokal kaum eine Rolle. Während in der Isar geringe Mengen an Flussgold vorkommen, fehlen solche Vorkommen im Gebiet der Ammer weitgehend. Das liegt vor allem daran, dass die Gesteine im Einzugsgebiet der Ammer nicht , wie bei der Isar , aus den goldführenden Bereichen der Tauern stammen.
Kiesbänke als empfindlicher Lebensraum
Ein besonders wichtiger Aspekt ist die ökologische Bedeutung der Kiesbänke. Sie sind Lebensraum für spezialisierte und oft bedrohte Arten. Vögel wie der Flussuferläufer brüten direkt im Kies, wobei ihre Eier perfekt getarnt sind. Auch Insekten wie die gefleckte Schnarrschrecke sowie Pflanzen wie die Deutsche Tamariske sind auf diese offenen, dynamischen Flächen angewiesen.
Da diese Lebensräume empfindlich auf Veränderungen reagieren, sollten Kiesbänke während der Brutzeit – insbesondere bis Ende Juni – nicht betreten werden.
Die „Sprache“ der Steine
Ein besonderer Teil des Vortrags widmete sich der „Sprache“ der Steine: Anhand von Strukturen, Adern und Mustern lassen sich Rückschlüsse auf ihre Entstehung ziehen.
• Durch die Bewegungen im Erdinneren zerbrochenes, „gequältes“ Gestein zeigt starke Verformung auch durch Druck und Hitze
• Wettersteinkalke können durch Risse und spätere Kalkfüllung charakteristische Muster entwickeln
• Sedimentrutschungen im Meer erzeugten bei der Entstehung von Tiefseesedimenten kunstvolle wirbelartige Strukturen
• Kalkbrekzien entstehen aus zerbrochenen und wieder verkitteten Gesteinsfragmenten
Mit etwas Übung lassen sich solche Merkmale erkennen und deuten.
Sammeln und Bestimmen
Zum Abschluss gab Herr Grehl praktische Hinweise für Sammler: Kieselsteine sollten gereinigt werden, da ihre Farben und Strukturen im nassen Zustand besonders gut sichtbar sind. Durch Einreiben mit Olivenöl oder durch Polieren lassen sich die Muster hervorheben.

von links: der Vortragende Karl-Heinz Grehl, Dr. Sabine Pfannenberg, Vorsitzende Kulturlandschaft Ammersee-Lech e.V. und
Dr. Hartmut Lauffer, stellv. Vorsitzender des Vereins für Archäologie und Geschichte Herrsching
Für die Bestimmung empfahl er unter anderem die Webseiten:
• https://www.isar-kiesel.de
• https://kristallin.de
sowie das Ortsmuseum in Polling.
Ganz herzlichen Dank an Herrn Grehl für diesen höchst interessanten und lebhaft geschilderten Vortrag.

























