• Dr. Sabine Pfannenberg
  • 06.06.2026

Unser Vereinsmitglied Rainer Maurer führte uns auf einer abwechslungsreichen Stadtführung durch den Münchener Stadtteil Haidhausen. Ausgangspunkt unseres Rundgangs war die S-Bahn-Station Rosenheimer Platz. 

Von dort aus erkundeten wir einen der geschichtsträchtigsten Stadtteile Münchens, dessen Entwicklung von mittelalterlichen Handelswegen über die Ziegelindustrie bis hin zur modernen Großstadt geprägt wurde.
 

Führung durch den Münchner Ortsteil Haidhausen

Den Auftakt machte der Standort des ehemaligen Bürgerbräukellers hinter dem heutigen Gasteig mit der Erläuterung der historischen Ereignisse rund um den Hitlerputsch von 1923 sowie das Attentat Georg Elsers auf Adolf Hitler im Jahr 1939. Die Gedenktafel am heutigen GEMA-Gebäude konnten wir aufgrund der laufenden Sanierungsarbeiten leider nicht besichtigen.
Am 8. November 1923 hielt der bayerische Generalstaatskommissar Gustav von Kahr im überfüllten Saal des Bürgerbräukellers eine Großveranstaltung ab. Adolf Hitler, Erich Ludendorff, Hermann Göring und weitere Nationalsozialisten stürmten die Versammlung. Von hier aus begann am frühen Morgen des 9. November 1923 der Marsch zur Feldherrnhalle, der als gescheiterter Hitlerputsch in die Geschichte einging. Aufgrund seines Ausgangspunkts wird dieses Ereignis auch als „Bürgerbräu-Putsch“ bezeichnet. Im englischsprachigen Raum ist es als „Beer Hall Putsch“ bekannt, im Französischen als „Putsch de la Brasserie“.
Nur knapp 16 Jahre später, am 8. November 1939, entging Adolf Hitler an derselben Stelle einem Attentat. Georg Elser hatte eine Zeitbombe in eine Säule hinter dem Rednerpult eingebaut. Da Hitler die Veranstaltung unerwartet früh verließ, verfehlte das Attentat sein Ziel.
 

Zwischen dem Gasteig und dem GEMA-Gebäude erinnert seit 1989 eine Bodengedenkplatte an das misslungene Attentat Georg Elsers auf Adolf Hitler. Wikipedia Bild: von Iki Transferred from de.wikipedia to Commons by Riggwelter.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs diente der Bürgerbräukeller als Lebensmittellager. Anschließend nutzte ihn die US-Armee als Kantine. Im Jahr 1958 eröffnete man das Gebäude erneut als Großgaststätte und Veranstaltungsort. 1979 wurde der gesamte Komplex abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Diese entstanden bewusst in Ziegelbauweise und erinnern damit an die lange Tradition der Haidhauser Ziegelwerke.

Schautafeln am Gasteig – Die Entwicklung Haidhausens

An den Schautafeln am Gasteig wird die historische Entwicklung Haidhausens erläutert. Bereits im Jahr 808 wurde der Ort unter dem Namen „haidhusir“ – „Häuser auf der Heide“ – erstmals urkundlich erwähnt. Von München aus erreichte man die Siedlung über den sogenannten „gaachen Steig“, einen besonders steilen Weg. Aus dieser Bezeichnung entwickelte sich im Laufe der Zeit der Name „Gasteig“, der heute vor allem mit dem bekannten Kulturzentrum verbunden wird.
Im Hochmittelalter gehörte Haidhausen zunächst zum Herrschaftsbereich der Grafen von Wolfratshausen. Nach deren Aussterben im Jahr 1157 ging das Gebiet an die Grafen von Dießen über, die sich später Grafen von Andechs nannten. Noch vor dem Tod des letzten Andechser Grafen Otto III. fiel das Gebiet spätestens 1246 an das Herzogtum Bayern der Wittelsbacher.
Rainer Maurer erklärte, dass Haidhausen über Jahrhunderte an einer bedeutenden Handelsroute lag. Durch den Ort führte der mittelalterliche Salzweg nach München. Der Salzhandel bildete eine wesentliche wirtschaftliche Grundlage für die Entwicklung der Stadt München und prägte zugleich die Geschichte Haidhausens.
 

Rainer Maurer vor den Schautafeln am Gasteig

Herzog Heinrich der Löwe verlegte im Jahr 1158 den wichtigen Isarübergang von Oberföhring nach München, um die Zolleinnahmen des Salzhandels kontrollieren zu können. Dieses Ereignis gilt als Geburtsstunde Münchens. Gleichzeitig verlagerte er die Salzstraße von der älteren Lechquerung bei Kaufering auf eine neue Route über Landsberg und ließ dort eine Brücke über den Lech errichten. Sein Ziel war es, die Zölle und Einnahmen des Salztransports zwischen Bad Reichenhall, München, Landsberg und weiter Richtung Memmingen zu kontrollieren.
Für Haidhausen hatte zudem die Herstellung von Lehmziegeln eine besondere Bedeutung.Die mächtigen Lehmschichten zwischen Haidhausen und Bogenhausen lieferten hervorragendes Material für die Ziegelproduktion. Die zahlreichen Ziegeleien versorgten München über Jahrhunderte mit Baumaterial und trugen maßgeblich zum Wachstum der Stadt bei.
Lange Zeit blieb Haidhausen eine Vorstadt außerhalb der Münchner Stadtmauern. Hier lebten vor allem Handwerker, Fuhrleute, Ziegelarbeiter und Tagelöhner mit ihren Familien. Da das Münchner Bürgerrecht für viele Zugezogene unerschwinglich war, siedelten sie sich bevorzugt in den Vororten an. Erst im Jahr 1854 wurde Haidhausen offiziell nach München eingemeindet.

Der Gasteig und die Bierkeller Haidhausens

Auf dem Gelände des heutigen Kulturzentrums Gasteig befand sich früher die Armenversorgungs- und Beschäftigungsanstalt der Stadt München. Sie entstand ab 1861 nach Plänen des Architekten Arnold Zenetti als Ersatz für ein älteres Armenhaus und diente über viele Jahrzehnte der Versorgung bedürftiger Menschen. Erst 1974 wurde das Gebäude abgebrochen, um Platz für das neue Kulturzentrum zu schaffen.

 

Das ehemalige Armenversorgungshaus am Gasteig, an dem jetzt das Kulturzentrum steht. Carl August Lebschée 1881

Der Gasteig, eins der größten Kulturzentren Europas wurde ab 1978 nach Plänen der Architektengemeinschaft Raue, Rollenhagen, Lindemann und Grossmann erbaut und 1984/85 eröffnet. Nach 25 bis 30 Jahren Nutzungsdauer wurde wegen gestiegener Brandschutz-Anforderungen und in der Nutzungszeit aufgetretenen Schäden am Gebäude eine Generalsanierung beantragt. Der Stadtrat beschloss am 20. Dezember 2023 die Generalsanierung. Es wird mit einer Umbauzeit von vier Jahren und Kosten von etwa 750 Millionen Euro gerechnet. Für die Wiedereröffnung am 31. Dezember 2034 steht das Programm bereits fest. Die Philharmoniker werden „Eine Ode an die Freude“ spielen. 
Eindrucksvoll schilderte Rainer die frühere Nutzung des Isarhochufers als Zentrum der Münchner Brauwirtschaft. Im 18. und 19. Jahrhundert benötigten die Brauereien große und ganzjährig kühle Lagerräume für ihr untergäriges Bier. Da sich solche Keller innerhalb der dicht bebauten Altstadt nur schwer anlegen ließen, verlagerten viele Brauereien ihre Lagerstätten an die Hänge des rechten Isarhochufers. Vor allem in Haidhausen und am Gasteig boten die natürlichen Geländeverhältnisse ideale Voraussetzungen für tiefe Kellergewölbe.
Im Laufe der Zeit entstand hier eine regelrechte „Kellerstadt“. Um 1860 existierten allein im Bereich des Gasteigs und entlang der Rosenheimer Straße rund 64 Bierkeller, die von 18 verschiedenen Brauereien genutzt wurden. Die Keller dienten nicht nur der Lagerung, sondern auch der Kühlung des Bieres. Im Winter lagerten die Brauer große Eisblöcke ein, um selbst während der Sommermonate niedrige Temperaturen zu gewährleisten.
   


Karte der Münchner Bierkeller nach Weng , Joseph Schülein 1854-1938 Porträt Öl auf Leinwand, Leo Samberger

Über den Kellern pflanzte man Kastanienbäume. Ihr dichter Schatten schützte die Gewölbe zusätzlich vor Erwärmung, während die flachen Wurzeln die Bausubstanz nicht gefährdeten. Schon bald stellten die Brauereien Tische und Bänke auf und schenkten ihr Bier direkt vor Ort aus. Damit entstand eine neue Form der Gastlichkeit, die sich großer Beliebtheit erfreute.
Diese Entwicklung führte jedoch zu Konflikten mit den Wirten innerhalb der Stadtmauern. Viele Gäste bevorzugten die schattigen Plätze über den Bierkellern, sodass die traditionellen Gaststätten um ihre Existenz fürchteten. König Maximilian I. Joseph griff schließlich ein und erließ am 4. Januar 1812 eine Verordnung. Die Brauer durften weiterhin Bier ausschenken, jedoch keine Speisen, mit Ausnahme von Brot und keine weiteren Getränke verkaufen. Aus dieser Regelung entwickelte sich die bis heute gepflegte bayerische Biergartenkultur.
Im Bereich rund um den Gasteig waren bedeutende Brauereien angesiedelt. Hier befanden sich unter anderem der Bürgerbräukeller, der Münchner-Kindl-Keller, der Hofbräukeller und das Unionsbräu. Mit dieser Entwicklung verbindet sich auch der Name Joseph Schülein eine der prägenden Persönlichkeiten von Haidhausen. 
Der aus Thalmässing stammende Hopfenhändler Joseph Schülein übernahm 1895 die insolvente Brauerei Fügerbräu und gründete die Unionsbrauerei Schülein & Cie. Zehn Jahre später kaufte er die Münchner-Kindl-Brauerei. Durch die Fusion der Unionsbrauerei mit Löwenbräu entstand 1921 schließlich eines der größten Brauunternehmen Bayerns.
Schülein erwarb sich jedoch nicht nur als Unternehmer einen Namen. Er unterstützte Vereine, Kirchen und soziale Einrichtungen und half zahlreichen bedürftigen Familien. Während und nach dem Ersten Weltkrieg organisierte seine Familie Armenspeisungen für Bedürftige und finanzierte jedes Jahr die Ausstattung zahlreicher Firmlinge. Als jüdischer Unternehmer wurde Schülein später Ziel antisemitischer Hetze. Nationalsozialisten diffamierten seine Produkte als „Judenbier“. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten musste er sich 1933 aus der Führung von Löwenbräu zurückziehen. Er starb 1938 auf Schloss Kaltenberg.
Besonders bewegend war die von Rainer Maurer erzählte Anekdote über einen Sohn der Familie Schülein, der nach New York ausgewandert war. Bei der Verleihung eines Verdienstordens berichtete dieser, er habe sein Haus bewusst mit Blick auf eine Kirche gewählt, die ihn an den Münchner Alten Peter erinnere. Damit brachte er seine lebenslange Verbundenheit mit seiner Heimatstadt zum Ausdruck.

St. Nikolai am Gasteig und die Loretokapelle

Unser Weg führte uns weiter zur Kirche St. Nikolai am Gasteig. Rainer Maurer stellte uns dieses historische Bauwerk als eine der ältesten Kirchenanlagen Haidhausens vor. Die Kirche entstand ursprünglich als Spitalkirche für ein Leprosen- beziehungsweise Siechenhaus, das vermutlich bereits um das Jahr 1204 gegründet wurde.
Bewusst errichtete man das Siechenhaus außerhalb der damaligen Stadtgrenzen, um Menschen mit ansteckenden Krankheiten, insbesondere Lepra, von der übrigen Bevölkerung zu trennen. Gleichzeitig lag die Anlage direkt an der wichtigen Salzstraße nach München. Dadurch konnten die Kranken auf Almosen vorbeiziehender Händler und Reisender hoffen. Die Einrichtung finanzierte sich weitgehend selbst und spielte über Jahrhunderte eine wichtige Rolle in der Versorgung Bedürftiger und Kranker.
Heute wird die Kirche vom Kirchenverband Haidhausen genutzt.
           

St. Nikolai am Gasteig (links) und die Loretokapelle (rechts)

Nach hinten rechts versetzt befindet sich die sogenannte Loretokapelle ein bedeutender Wallfahrts- und Andachtsort dessen heutige Form stark vom Vorbild in Altötting geprägt wurde. Heute nutzt die ukrainisch-orthodoxe Gemeinde die Kapelle für ihre Gottesdienste.
Rainer bat uns ein besonderes Augenmerk auf die Kreuzigungsgruppe zu legen. Sie gehört zu den weniger bekannten, aber kunsthistorisch interessanten Denkmälern rund um die Kirche St. Nikolai am Gasteig. Die Steinfiguren wurden um 1720 vom Münchner Hofbildhauer Gabriel Luidl (1688–1741) geschaffen, einem bedeutenden Künstler des bayerischen Barock. 


Kreuzigungsgruppe an der Kirche St. Nikolai am Gasteig
 
Er gehörte zu einer Bildhauerdynastie, die eng mit Landsberg am Lech verbunden war. Bereits sein Onkel Lorenz Luidl hatte dort gewirkt, und auch weitere Familienmitglieder führten die Werkstatttradition fort.
Das heutige Kreuz ist allerdings nicht mehr original erhalten. Es wurde im Laufe der Zeit ersetzt, während die Figuren selbst weitgehend ihren historischen Charakter bewahren konnten.
Rainer Maurer berichtete außerdem von einer Überlieferung des Münchner Historikers Lorenz Westenrieder: 
Im weiteren Verlauf der Führung besichtigten wir die evangelische Kirche St. Johannes. Sie gehört zu den vier großen evangelischen Evangelistenkirchen Münchens und wurde von Albert Schmidt entworfen, der auch die Kirche St. Lukas sowie die alte Münchner Hauptsynagoge plante. Deshalb lassen sich sowohl in der äußeren Gestaltung als auch im Innenraum interessante architektonische Parallelen erkennen.
Besonders bemerkenswert ist die Akustik der Kirche. St. Johannes. Sie genießt unter Musikern und Chören einen hervorragenden Ruf, da ihr Innenraum einen warmen und zugleich klaren Klang erzeugt.

Die Ziegelbrenner

Vor der Kirche St. Johannes steht der Ziegelbrennerbrunnen. Das Denkmal erinnert an die Ziegelarbeiter, die über Jahrhunderte das Gesicht Haidhausens prägten. Mit der Einführung von Ziegeldächern förderte Kaiser Ludwig der Bayer nicht nur den Brandschutz in München, sondern schuf zugleich die Grundlage für den Aufstieg der Ziegeleien im Münchner Osten.
Besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert arbeiteten zahlreiche italienische Saisonarbeiter in den Ziegeleien rund um Haidhausen. Ihnen ist der Brunnen als ein bleibendes Denkmal gewidmet. Historisch betrachtet zeigt die Darstellung allerdings nicht direkt Ziegelbrenner. Zu sehen sind ein Ziegelträger und ein Ziegelschläger wobei der Ziegelschläger in einer Haltung dargestellt ist, die nicht der tatsächlichen Arbeitsweise entsprach.
 

Der Ziegelbrennerbrunnen vor St. Johannes

Rainer Maurer erklärte uns die geologischen Voraussetzungen für die Entwicklung der Ziegeleien. Zwischen Haidhausen und Bogenhausen lagerten mächtige Lehmschichten von teilweise mehreren Metern Stärke. Dieser hochwertige Rohstoff machte das Gebiet über lange Zeit zum Zentrum der Münchner Ziegelproduktion. Die Ziegeleien folgten dabei dem jeweils verfügbaren Lehmvorkommen. Wo einst Lehmgruben lagen, entstanden später neue Wohnviertel und Straßen.
Die Ziegel machten München groß. Zahlreiche öffentliche Gebäude, Wohnhäuser und selbst Teile der Stadtbefestigung wurden aus Haidhauser Ziegeln errichtet. Auch die von Max von Pettenkofer initiierten Kanalisationsanlagen verwendeten in großem Umfang dieses Baumaterial. So trugen die Ziegeleien entscheidend dazu bei, dass München im 19. Jahrhundert zu einer modernen Großstadt heranwachsen konnte.

Das „Franzosenviertel“ in Haidhausen

Anschließend führte uns Rainer Maurer in das sogenannte Franzosenviertel. Dieses Viertel entstand überwiegend zwischen 1870 und 1900 und zählt heute zu den eindrucksvollsten Gründerzeitquartieren Münchens. Der Name „Franzosenviertel“ ist zwar allgemein gebräuchlich, war jedoch nie eine offizielle Stadtbezeichnung.
Seinen Namen verdankt das Viertel den zahlreichen Straßennamen, die an den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 erinnern. Viele Straßen tragen die Namen französischer Städte oder Schlachtenorte, an denen die deutschen Truppen Erfolge errangen. Besonders bekannt ist die Sedanstraße, die an die Schlacht von Sedan erinnert, bei der Kaiser Napoleon III. in deutsche Gefangenschaft geriet.
Mit dem Ausbau des Ostbahnhofs entwickelte sich in kurzer Zeit ein völlig neues Stadtquartier. Arbeiter, Angestellte und Angehörige des aufstrebenden Bürgertums fanden hier Wohnraum in modernen Mietshäusern. Die Bebauung folgte dabei einem planvollen städtebaulichen Konzept und verlieh dem Viertel seinen bis heute erkennbaren Charakter.
 

Häuserzeile im „Franzosenviertel“

Rainer machte deutlich, dass die Entstehung des Franzosenviertels weniger auf militärische Ereignisse als vielmehr auf wirtschaftlichen Aufschwung zurückzuführen war. Die rasante Industrialisierung, der Ausbau der Eisenbahn und das starke Bevölkerungswachstum ließen den Bedarf an Wohnraum erheblich steigen. Münchner Banken finanzierten einen großen Teil dieser Bautätigkeit und ermöglichten damit die schnelle Entwicklung des Viertels.

Herbergshäuser, Kriechbaumhof und St. Johann Baptist

Im weiteren Verlauf der Führung gelangten wir zu den sogenannten Herbergshäusern in der Preysingstraße. Sie vermitteln bis heute einen Eindruck davon, wie die einfachen Bewohner Haidhausens im 19. Jahrhundert lebten. Damals war Haidhausen noch ein Dorf vor den Toren Münchens. Tagelöhner, Ziegelarbeiter, Fuhrleute und Wanderarbeiter fanden hier eine Unterkunft.
 

Blick in die Preysingerstraße

Ein besonders anschauliches Beispiel ist der Kriechbaumhof. Das Gebäude stand ursprünglich an der Wolfgangstraße und zählt zu den wenigen erhaltenen Zeugnissen dieser einfachen Wohnform. Als das Haus zunehmend verfiel, trug man es sorgfältig ab und errichtete es 1985 in unmittelbarer Nähe originalgetreu neu.
 

Der Kriechbaumhof nur 1,9 km vom Marienplatz. Heute befindet sich hier die Jugendorganisation des Münchner Alpenvereins

Die Familien lebten in sogenannten „Gemächern“. Der Begriff klingt heute eher vornehm, bezeichnete jedoch lediglich die einfachen und oft beengten Wohnräume der Tagelöhnerfamilien. Jede Wohnung verfügte über einen eigenen Zugang über Außentreppen. Dadurch besaßen die Gebäude häufig mehr Türen als Fenster.
Die Wohnverhältnisse waren äußerst bescheiden. Die Räume waren klein, dunkel und häufig feucht. Mehrere Personen teilten sich oftmals eine einzige Unterkunft. Im Kriechbaumhof befanden sich zahlreiche dieser kleinen Wohneinheiten. Sie zählte damals zu den größten Herbergen Haidhausens.
Auch die hygienischen Verhältnisse entsprachen nicht den heutigen Standards. Eine Kanalisation existierte noch nicht. Die Entleerung der Abortgruben übernahmen die sogenannten „Goldgrübler“. Nicht selten gelangten Abwässer in die Bäche und Gräben der Umgebung, die gleichzeitig von der Bevölkerung für den Alltag genutzt wurden. 
An der Preysingstraße erinnerte uns Rainer Maurer daran, dass Haidhausen nicht ausschließlich von Arbeitern und Handwerkern geprägt war. Der Straßenname verweist auf die bedeutende Adelsfamilie Preysing, die hier ebenso Besitzungen hatte wie andere wohlhabende Familien. Neben einfachen Herbergen standen hier auch repräsentative Sommerhäuser und Landsitze.
Ein weiteres wichtiges Ziel unserer Führung war die Pfarrkirche St. Johann Baptist. Als Haidhausen im 19. Jahrhundert stark anwuchs, reichte die alte Dorfkirche für die wachsende Bevölkerung nicht mehr aus. Deshalb begann man Mitte des Jahrhunderts mit dem Bau einer neuen Kirche.
Der Kirchenbau gestaltete sich jedoch schwierig. Immer wieder fehlten die notwendigen finanziellen Mittel. Der damalige Pfarrer Johann Georg Walser unternahm deshalb zahlreiche Reisen durch Bayern und bis nach Wien, um Spenden für das Bauprojekt zu sammeln. Wegen seines unermüdlichen Einsatzes nannten ihn die Menschen den „Bettler von Haidhausen“. Die heutige Walserstraße erinnert noch an ihn.
     

Pfarrkirche St. Johann Baptist

Neben den finanziellen Problemen verzögerten auch rechtliche Fragen die Fertigstellung, nachdem durch die Eingemeindung von Haidhausen nach München Streit um die Eigentumsverhältnisse zwischen Stadt und Ordinariat entbrannte.  Zwischen dem Baubeginn und der feierlichen Weihe der Kirche lagen schließlich 27 Jahre.
Besonders eindrucksvoll wirkt bis heute der mächtige Kirchturm. Ursprünglich erreichte er eine Höhe von nahezu 97 Metern und gehörte damit zu den höchsten Kirchtürmen Münchens. Nach den Schäden des Zweiten Weltkriegs und späteren statischen Problemen vereinfachte man die Turmspitze beim Wiederaufbau. Heute misst der Turm rund 91 Meter. 
Rainer Maurer wies uns außerdem auf eine Besonderheit des Bauwerks hin: Die Kirche wurde vollständig aus den Ziegeln errichtet, die in den Ziegeleien Haidhausens hergestellt wurden. 
Der neugotische Innenraum der Kirche ist einschiffig angelegt. Das weitgespannte Gewölbe und die offene Raumgestaltung erzeugen dennoch die für die Gotik typische Höhenwirkung und das Gefühl des Aufstrebens.

Landsitze, Brausebad und Wiener Platz

Wie selbstbewusst sich die damalige bürgerliche Elite präsentierte, veranschaulichte Rainer Maurer mit einer Anekdote über die Familie Langer. Dort, wo heute die Gründerzeithäuser der Langerstraße stehen, befanden sich einst die weitläufigen Gärten und Landsitze der angesehenen Familie. Johann Peter von Langer, erster Direktor der Münchner Kunstakademie, wird der Ausspruch zugeschrieben: „Es gab nur drei wahrhaft große Künstler: Der erste war Raffael, der zweite mein Sohn Robert, und den dritten zu nennen verbietet mir die Bescheidenheit.“
Dort, wo früher die Landsitze, Gärten und Sommerhäuser wohlhabender Familien standen,  darunter auch das Anwesen der Familie Langer, wurde Haidhausen im späten 19. Jahrhundert immer dichter bebaut. Die alten Gartenanwesen verschwanden nach und nach und wurden durch öffentliche Bauten, Mietshäuser und städtische Einrichtungen ersetzt.
                      


Das frühere Brausebad in Haidhausen

Auch die Schlossstraße erinnert bis heute an diese Vergangenheit. Ihr Name verweist auf die zahlreichen Landsitze und kleinen Schlösschen, die sich einst in diesem Bereich befanden. Zu den Eigentümern gehörten zeitweise Mitglieder bedeutender Adelsfamilien, darunter auch Angehörige der Familie Törring-Seefeld.
Ein besonders interessantes Beispiel ist das ehemalige Wannen- und Brausebad. Es wurde 1894/95 vom Münchner Stadtbaurat Carl Hocheder errichtet. Das Gebäude beherbergte damals nicht nur ein Volksbad, sondern auch Feuerwehr und Bezirksverwaltung. Heute befindet sich im ehemaligen Haidhauser Brausebad ein Kindergarten. 
Das Haidhauser Brausebad kann als Vorläufer des späteren Müller'schen Volksbades betrachtet werden. Carl Hocheder sammelte hier wichtige Erfahrungen, die er später in den Bau des berühmten Volksbades einfließen ließ. Das 1901 eröffnete Müller'sche Volksbad wurde durch eine großzügige Stiftung des Ingenieurs Karl Müller ermöglicht und galt bei seiner Eröffnung als eines der modernsten und prächtigsten Badehäuser der Welt. Allerdings waren die Eintrittspreise anfangs für viele Arbeiterfamilien zu hoch, sodass das Volksbad zunächst nur eingeschränkt von den Bevölkerungsschichten genutzt wurde, für die es eigentlich gedacht war.
Auf unserem weiteren Weg kamen wir durch das Viertel „An der Kreppe“. Der Name erinnert an eine frühere, durch Wasser ausgewaschene Geländesenke. Über viele Jahrzehnte prägten Handwerker, Schmieden und Schlossereien diesen Bereich Haidhausens. Rainer Maurer wies darauf hin, dass hier Szenen der Fernsehserie „Die Hausmeisterin“ an Originalschauplätzen gedreht wurden.
                                            


Historischer Handwerkerhof „An der Kreppe“ in Haidhausen. Die heute noch bestehende Schmiede diente als Drehort der Schlosserei von Costa Doganis in der Fernsehserie „Die Hausmeisterin“.

Den Abschluss unserer Führung bildete der Wiener Platz, der bis heute als Herz des alten Haidhausens gilt. Mittelpunkt des Platzes ist der traditionsreiche Wochenmarkt. Wie alle Münchner Lebensmittelmärkte wird er vom Marktamt der Landeshauptstadt München verwaltet. Die Händler erhalten ihre Standplätze durch eine behördliche Zuweisung, wobei sich die Gebühren unter anderem nach Größe und Art des jeweiligen Verkaufsstandes richten.
Vor dem Markt steht der Fischerbuberl-Brunnen. Die Figur befand sich ursprünglich an der alten Schrannenhalle in der Münchner Innenstadt und wurde später an den Wiener Platz versetzt. Sie erinnert an die lange Tradition des Fischhandels auf den Münchner Märkten.
Die historischen Marktgebäude am Wiener Platz werden derzeit saniert. Während der Bauarbeiten sind einige Händler in provisorische Ausweichquartiere umgezogen. Trotzdem bleibt der Wiener Platz einer der lebendigsten und traditionsreichsten Märkte Münchens.
 

Wiener Platz mit Blick auf die Pfarrkirche St. Johann Baptist

Die Perlacher Mordnacht und der Abschluss im Hofbräukeller

Am Hofbräukeller endete schließlich unsere Führung durch Haidhausen. Das 1892 errichtete Gebäude gehört zu den bekanntesten Bierstätten Münchens und spiegelt die Entwicklung Haidhausens vom Vorort zum lebendigen Stadtviertel wider.
Der Hofbräukeller war stets weit mehr als ein Ort der Gastronomie. Über viele Jahrzehnte diente er als Treffpunkt der Bevölkerung, als Veranstaltungsort und als Schauplatz bedeutender historischer Ereignisse. Hier spiegeln sich politische, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen der Stadtgeschichte auf besondere Weise wider.
So erinnert eine Gedenktafel an die Ermordung von zwölf Perlacher Bürgern am 5. Mai 1919. Nach der Niederschlagung der Münchner Räterepublik wurden die Männer von Freikorpsangehörigen unter dem Verdacht festgenommen, Anhänger der Räterepublik zu sein. Obwohl ihnen keine Beteiligung an den Kämpfen nachgewiesen werden konnte, wurden sie ohne Gerichtsverfahren in den Biergarten des Hofbräukellers gebracht und erschossen. Das als „Perlacher Mordnacht“ bekannte Verbrechen blieb juristisch folgenlos und zählt zu den dunklen Kapiteln der Münchner Nachkriegsgeschichte.
 

Gedenktafel zur „Perlacher Mordnacht“ von 1919

Heute wird der Hofbräukeller von der Familie Steinberg geführt, die vielen Münchnern auch als Wiesenwirte auf dem Oktoberfest bekannt sind. 
Nach den vielen Eindrücken und Geschichten, die uns Rainer Maurer während des Rundgangs vermittelt hatte, bot der Hofbräukeller einen passenden Abschluss der Führung. Hier bestand noch die Möglichkeit, gemeinsam einzukehren und die gewonnenen Eindrücke auszutauschen.