Zeitreise durch Gilchings Geschichte
Am 9. August 2026 besuchten wir mit unserem Verein das Museum „SchichtWerk“ in Gilching. Durch die Ausstellung führte uns Museumsleiterin Annette Reindel, die mit großem Fachwissen und viel persönlichem Engagement die Geschichte Gilchings von der Römerzeit bis ins frühe Mittelalter lebendig werden ließ.
Das Museum befindet sich im sogenannten Wersonhaus, einer historischen Villa, die nach dem Künstler Jules Werson benannt ist. Das Haus wurde 1914 als Landhausvilla errichtet und später von der Gemeinde Gilching erworben. Heute beherbergt es die archäologische Dauerausstellung. Der Name „SchichtWerk“ ist dabei Programm: Die Besucherinnen und Besucher entdecken die Geschichte Schicht für Schicht, ganz entsprechend dem archäologischen Prinzip der Stratigrafie. Die Ausstellung wurde in mehrjähriger ehrenamtlicher Arbeit vom Verein Zeitreise Gilching e. V. aufgebaut.
Die Römerstraße – eine Straße mit Geschichte
Ein Schwerpunkt der Führung lag auf der römischen Straße, die durch Gilching führte. Sie war Teil der wichtigen Verbindung zwischen Augusta Vindelicum (Augsburg) und Iuvavum (Salzburg), der später sogenannten Via Julia.
Besonders anschaulich wird die Geschichte der Straße durch einen Querschnitt des Straßenaufbaus. Zu sehen sind verschiedene Schichten, die zeigen, wie die Straße im Laufe der Jahrhunderte immer wieder ausgebessert und erhöht wurde. Neben den ursprünglichen Entnahmegräben finden sich später angelegte Gruben, aus denen Material für Reparaturen gewonnen wurde. So wuchs der Straßenkörper im Laufe der Zeit regelrecht zu einem Damm auf.

Vor dem Modell der Römerstraße mit Schichten aus verschiedenen Jahrhunderten
Ein unscheinbarer, aber für die Datierung außerordentlich wichtiger Fund ist eine Bronzemünze des Kaisers Caligula aus der frühen römischen Kaiserzeit. Sie wurde im Zusammenhang mit der römischen Straße gefunden. Gerade weil die Münze unspektakulär und stark abgenutzt ist, wird ihre wissenschaftliche Bedeutung deutlich: Münzfunde können als zeitliche Anhaltspunkte für die Entstehung beziehungsweise Nutzung archäologischer Befunde dienen. Die Caligula-Münze gehört heute zu den ausdrücklich genannten Highlights des Museums.
Eine spätere Reparaturphase der Straße lässt sich sogar noch genauer datieren. Dafür ist der römische Meilenstein von besonderer Bedeutung. Seine Inschrift nennt Kaiser Septimius Severus und seine Söhne Caracalla und Geta und berichtet von der Wiederherstellung von Straßen und Brücken. Die Arbeiten lassen sich auf die Jahre 200/201 n. Chr. datieren. Der Meilenstein gibt außerdem eine Entfernung von 31 römischen Meilen nach Augsburg an.
Damit wird im SchichtWerk deutlich, dass die Römerstraße nicht einfach zu einem bestimmten Zeitpunkt gebaut und anschließend unverändert genutzt wurde. Sie wurde über Jahrhunderte gepflegt, ausgebessert und den jeweiligen Anforderungen angepasst.

Nachbildung einer römischen Sandale
Die Villa rustica und ihre Fundstücke
Frau Reindel erläuterte an einem Modell die typische Anlage eines römischen Gutshofs und ging dabei auf verschiedene archäologische Funde aus der Villa rustica in Gauting ein, die Aufschluss über Ausstattung, Nutzung und die weitreichenden Kontakte der ländlichen Siedlungen in der römischen Zeit geben.
Besonders eindrucksvoll ist eine kunstvoll gefertigte römische Öllampe aus Metall. Neben einer einfachen tönernen Lampe wurde sie in einer Villa rustica gefunden. Das Original befindet sich heute in München; im SchichtWerk kann eine Replik betrachtet werden. Bei dem auf der Lampe dargestellten Gesicht vermutet Frau Reindel eine Darstellung des Dionysos. Auch die aufwendige Gestaltung lässt eine Herstellung im griechisch geprägten Mittelmeerraum vermuten.
Ein weiteres, zunächst unscheinbares Fundstück ist das Bruchstück einer Terra-Sigillata-Schüssel des Typs Dragendorff 37. Anhand eines Keramikkatalogs konnte das Fragment identifiziert und seiner charakteristischen Form und Verzierung zugeordnet werden. Das Dekor zeigt unter anderem Vögel, einen Delphin und Wellen – ein maritimes Motiv. Die Herstellung lässt sich in den südlichen gallischen Raum eingrenzen (Germanicus aus Marseille). Eine Replik im Museum vermittelt eine Vorstellung von der ursprünglichen Form des Gefäßes.
Auch die römische Badekultur wurde thematisiert. Das Prinzip „sanitas per aquam“ – Gesundheit durch Wasser – verweist auf die große Bedeutung von Bädern in der römischen Kultur. Anhand der baulichen Anlagen und technischen Einrichtungen wurde deutlich, welcher Aufwand für die Wasserversorgung, Beheizung und Nutzung solcher Bäder betrieben wurde.

Wertvolle römische Öllampe aus Metall, vermutlich mit einer Darstellung des Dionysos

Bruchstück einer Terra-Sigillata-Schüssel

Das gefundene Bruchstück konnte mit ziemlicher Gewissheit einer Schüssel dieser Art zugeordnet werden
Von den Römern zu den Bajuwaren
Das SchichtWerk widmet dem Übergang von der spätrömischen Zeit zum frühen Mittelalter einen besonderen Schwerpunkt. Anhand archäologischer Funde aus Gilching und Umgebung wird der Wandel von der spätrömischen zur bajuwarischen Besiedlung anschaulich nachvollziehbar.
Besonders eindrucksvoll sind die Funde aus einer frühmittelalterlichen Hofgrablege an der Römerstraße: die sogenannten „Kiltis“. Der Name „Kilti“ wurde vom historischen Ortsnamen Kiltoahinga abgeleitet. Die drei Bestatteten stammen aus dem 7. Jahrhundert und wurden 2012 bei Bauarbeiten entdeckt.
Das Grab des jungen Mannes „Kilti“ ist eines der Highlights der Ausstellung. Neben einem Sax und einem Langschwert wurden zahlreiche weitere Beigaben entdeckt. Besonders bemerkenswert ist, dass das Originalschwert bewusst nicht poliert oder vollständig restauriert wurde. An seiner Oberfläche haben sich organische Reste erhalten, die dadurch wissenschaftlich untersucht werden konnten. Gerade der auf den ersten Blick eher unscheinbare und „schrottige“ Zustand des Schwertes macht es zu einem besonders wertvollen Forschungsobjekt: Die erhaltenen Spuren geben Aufschluss über seine Herstellung und ursprüngliche Ausstattung.
Auch die Untersuchung des Skeletts selbst erzählt eine Geschichte. Verletzungen am Schädel erwiesen sich nicht als Todesursache; sie entstanden wahrscheinlich erst beim späteren Einbrechen des Grabes. Dagegen lassen sich unter anderem Karies und ein Abszess im Kiefer feststellen.

Schubladen mit unterschiedlichen Sichten auf den Skelettfund, hier der Blick auf die Grabungsstätte

Zierbeschläge einer Gürtelgarnitur, die im Grab von Kelti gefunden wurden

Darstellung der Gürtelgarnitur mit Anordnung der gefundenen Zierbeschläge

Frau Reindel vor einer digitalen Anzeige mit vielen
Detailbeschreibungen zu den Grabungsfunden
Auch die Art der Bestattung und die erhaltenen organischen Materialien liefern wichtige Hinweise. Kilti wurde in einem Holzsarg bestattet und war in ein Leichentuch gehüllt. Unter dem Leichentuch fanden sich Reste von Gras und Blumen sowie ein Schaffell. Fasern aus Hanf konnten dem Leichentuch zugeordnet werden. Die Untersuchungen lassen darauf schließen, dass diese Materialien unmittelbar nach dem Tod mit dem Verstorbenen in das Grab gelangten.
Wissenschaftliche Untersuchungen – den Kiltis ein Gesicht geben
Besonders faszinierend waren die Einblicke in die wissenschaftlichen Untersuchungen der drei Skelette. Mithilfe der DNA-Analyse konnten unter anderem Merkmale wie Haar- und Augenfarbe bestimmt werden. Kilti war demnach blond und blauäugig, während Kiltine und Kilterich braune Augen und braunes bis dunkelbraunes Haar hatten. Außerdem ergab die genetische Untersuchung, dass die drei Personen nicht miteinander verwandt waren.
Darüber hinaus wurde die DNA mit genetischen Daten anderer historischer Funde und heutiger Bevölkerungsgruppen verglichen. Dabei zeigten sich unterschiedliche Übereinstimmungen: Kilti wies eher Ähnlichkeiten mit Populationen aus Nord- und Westeuropa auf, während Kiltine und Kilterich eher süd- beziehungsweise südosteuropäische Übereinstimmungen zeigten. Ergänzend wurde der Zahnschmelz mittels Strontiumisotopenanalyse untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass alle drei ihre frühe Kindheit nicht in der Region Gilching verbracht hatten.
Auch die Laktoseverträglichkeit konnte anhand genetischer Merkmale untersucht werden. Dabei zeigte sich ein interessantes Ergebnis: Kilti und Kiltine waren laktoseintolerant, während Kilterich Laktose vertrug.
Ein weiterer Höhepunkt der Untersuchungen war die Rekonstruktion der Gesichter. Die Forensikerin beziehungsweise Anthropologin Kristina Scheelen-Nováček aus Weimar erstellte auf Grundlage der erhaltenen Schädel lebensnahe Gesichtsrekonstruktionen. Dabei wurden unter anderem die Knochen von Augen-, Nasen- und Mundbereich sowie verschiedene anatomische Messpunkte berücksichtigt. Die Rekonstruktionen sind ausdrücklich als wissenschaftliche Annäherungen zu verstehen, sie ermöglichen dennoch eine erstaunlich konkrete Vorstellung davon, wie Kilti, Kiltine und Kilterich ausgesehen haben könnten.
Damit wird aus drei zunächst anonymen Skelettfunden ein ungewöhnlich anschauliches Bild von Menschen, die vor rund 1.350 Jahren in Gilching lebten, oder zumindest für eine gewisse Zeit dort ansässig waren.

In Auftrag gegebene Gesichtsrekonstruktion anhand der drei gefundnenen Skelette, die Frisur kann nicht bestimmt werden

So könnte "Kelti" ausgesehen haben, blond und blauäugig,
genetisch bestimmt
Ein Museum mit besonderem Charakter
Neben den außergewöhnlichen Funden beeindruckte unsere Gruppe vor allem das Museum selbst. Das SchichtWerk ist kein klassisches Museum, in dem die Besucherinnen und Besucher lediglich vor Vitrinen stehen. Schubladen, Hörstationen, Repliken und Mitmachstationen laden dazu ein, die archäologischen Befunde selbst zu entdecken.
Die Ausstellung ist in mehrjähriger ehrenamtlicher Arbeit entstanden. Frau Reindel gab uns zudem Einblicke in ihre eigene Tätigkeit und die umfangreichen Recherchen und Untersuchungen, die hinter den Exponaten stehen. So wurde deutlich, wie viel Fachwissen und persönliches Engagement in der Gestaltung des Museums stecken.
Zum Abschluss ließen wir den Nachmittag bei einem kleinen römischen Imbiss mit Köstlichkeiten nach antikem Vorbild und Wein gemütlich ausklingen. Bei Dips und anderen römisch inspirierten Speisen blieb ausreichend Zeit für Gespräche und weitere Fragen an Frau Reindel.
Unser Besuch hat gezeigt, welch großer Erkenntnisgewinn auch aus kleinen und zunächst unscheinbaren Funden entstehen kann. Die engagierte Führung und die liebevoll gestaltete Ausstellung machten das SchichtWerk für unsere Gruppe zu einer interessanten Zeitreise durch die Geschichte Gilchings.

Römische Speisekarte mit damaligen Preisen

Frau Reindel vor dem kleinen aber feinen Buffet mit Fingerfood nach römischen Rezepten




























